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Sonnenuntergang-kuss

 

Es rüttelt an der Tür. Sie gibt nach und eine Uniform drückt sich massig in den Raum. Schon wieder der Zugbegleiter. Ob ab Altona noch jemand zugestiegen ist möchte er wissen. Die beiden Damen mir gegenüber zücken mehr oder weniger bereitwillig ihre Billets. Mich kennt er schon. Von Stuttgart aus bin ich unterwegs und hatte bereits seit dem Morgen mit zweien seiner vorherigen Schichtkollegen das Vergnügen. Ich schau nach draußen, lasse die Landschaft an mir vorbeiflitzen. Denke an sie, genieße ein sofort aufflammendes warmes Gefühl. Im Norden beginnt gleich Dänemark, würden wir die Bahngleise verlassen, die uns den Weg exakt vorschreiben. Im Westen trägt uns der Hindenburgdamm in wenigen Momenten durch die Nordsee. Sie drückt - ich spüre die kleine Schachtel in der Hosentasche.

 


Die letzten Höfe fliegen vorbei, und Gedankenfetzen jagen im Kopf. Funkelnde Augen, ein Lachen, als ich sie kennenlernte. Wir schauten uns an, und wussten es sofort. Und jetzt ist es an der Zeit. Sie zu fragen, ob es für immer mit uns weitergeht. Meine Regenbogenfrau. Mein Herz schlägt für Sie, und für „unsere" Insel. Ich habe beides innen eingravieren lassen. In den breiten Platinring, der in der Schachtel auf seinen großen Einsatz wartet und den ich extra für meine Regenbogenfrau in dem Sylter Ringladen anfertigen ließ. Meine eigene Herzschlaglinie und die Umrisse der Insel Sylt sind auf ewig in den Ring graviert, der ihr meine Liebe zeigen soll. Vor Jahren haben wir die Insel gemeinsam entdeckt und jedes Jahr lockt sie uns nun zu sich. Somit ist auch das für mich klar: es gibt einfach keinen schöneren Ort, um ihr diese wichtige Frage zu stellen. Ein magischer Ort. Eine Natur wie hingeküsst, Landschaften zum niederknien. Morgen kommt sie nach. Sie weiß von nichts. Ich will ihr Leuchtturm sein, ihre Arche, in einfach-leichten Tagen und auch in rauer See. Deshalb werde ich sie auf das Schiff einladen, um sie dort an Bord zu fragen. Eine tolle Idee der Sylter Eventplanerin, die auch die Inhaberin des Ringladens ist. Ihr hab ich beim Aussuchen des Ringes von uns beiden erzählt. Und nun habe ich über sie ein Schiff gechartet, die „Gret Palucca" der Adler-Reederei. Wir sind die einzigen Passagiere, und werden nur von der Besatzung begleitet. Morgen wird ein ganz besonderer Tag!

 


Der Zug rollt ein, mein Glücksgefühl wächst ins Unermessliche. Ich suche mit den Augen die Menge ab, da erblicke ich sie. Sie strahlt. Ihre Augen sagen alles, und meine Aufregung weicht einem großen Glücksgefühl. Dann muss ich sie einweihen. Dass ich einen kleinen Ausflug mit ihr geplant habe, und sie mir einfach zum Hafen folgen soll. Ob wir nicht flott noch was essen sollen, fragt sie. Ich schiebe sie ohne Antwort weiter, der Kapitän nimmt sie am anderen Ende des wankenden Verbindungsbrettes grinsend in Empfang. Ich folge ihr, die Brücke wird hochgezogen, der Kapitän geht zielsicher in sein Führerhaus. Der Kutter legt ab.

 

Bruecke-Paar
Sie schaut sich um, und langsam wird ihr bewusst, dass wir die einzigen Gäste an Bord sind. Kaum dass sie weiterdenken kann, knie ich bereits vor ihr. Nehme ihre Hand und blicke ihr fest und voller Liebe in die Augen. Ich nestle nach der schönen Schachtel, klappe den Deckel hoch, und kaum gesagt was ich sagen wollte, platzt ihr „Ja" aus ihr heraus. Ich stecke ihr voller Stolz den wunderschönen Platinring an den linken Ringfinger. Sie ist ganz aufgelöst, voller Freude und wendet ihre Hand andächtig hin und her, und legt ihren Kopf an meine Schulter. So schippern wir zufrieden aneinander gekuschelt Richtung Ellenbogen. Wir genießen die Fahrt, und freuen uns dass wir den Kutter ganz für uns alleine haben. Später laufen wir in „unseren" Hafen ein. Wir sind uns sicher - es ist für immer. Es fühlt sich so richtig an. Wir! Ich... und meine Regenbogenfrau.


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